IMI-Standpunkt 2026/008

Vor der Beschaffungsentscheidung

Kamikazedrohnen für die Bundeswehr: Helsing HX-2 und Stark Virtus

von: Tobias Pflüger | Veröffentlicht am: 18. Februar 2026

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Am Mittwoch, den 25.Februar 2026, sollen nach Vorschlag des Verteidigungsministeriums zwei Vorlagen zu Kamikaze-Drohnen, gerne auch „Loitering-Munition“ genannt, in Haushalts- und Verteidigungsausschuss beschlossen werden. Damit ist zum ersten Mal vorgesehen, explizite Angriffsdrohnen für die Bundeswehr anzuschaffen. Geplant ist, für insgesamt 4,3 Miliiarden Euro zwei Auftrage zu vergeben: Einmal an die Firma Helsing für die Kamikazedrohne Helsing HX-2 und einmal an Stark Defence für die Kamikazedrohne „Stark Virtus“. Leider findet kaum (mehr) eine politische Debatte zu diesem Epochenbruch bei Waffensystemen statt. Stattdessen gibt es eine öffentliche Debatte, ob die Kamikaze-Drohnen funktionieren, wie sie sollen.

Die Kamikazedrohnen sollen angeschafft werden ohne ethische Einsatzkriterien und ähnliches, das bei der Grundsatzdebatte zur Anschaffung bewaffneter Drohnen in den Jahren 2020 und 2021 eine zentrale Rolle (zur Legitimation) spielte. Die damalige SPD-Projektgruppe hatte bei ihrem verdrucksten Ja zur Bewaffnung von Drohnen (damals die Heron TP) u.a. geschrieben:

„Erstellung und Offenlegung eines verbindlichen Einsatzkonzeptes für bewaffnete Drohnen durch die Bundesregierung, um ein Höchstmaß an Transparenz beim Einsatz von bewaffneten Drohnen gegenüber dem Deutschen Bundestag und der Öffentlichkeit sicherzustellen. Ebenfalls muss die unverzügliche Information des Deutschen Bundestags bei Veränderung der allgemeinen Einsatzregeln sichergestellt sein.
Einsatz von bewaffneten Drohnen nur dann, wenn dieser einschließlich der hier aufgeführten Konditionen explizit im vorgelegten Bundestagsmandat für den jeweiligen Auslandseinsatz der Bundeswehr vorgesehen ist, um auch hier ein hohes Maß an Transparenz und Kontrolle zu erzielen.“1

Davon ist nicht mehr die Rede, schließlich will die Bundesregierung aus CDU/CSU und SPD mit Hilfe der Grünen, dass Bundeswehr und Gesellschaft kriegstüchtig werden. Nun zeichnet sich eine ganz große Koalition von Grünen bis AfD für die Anschaffung von Kamikazedrohnen ab.

Funktionieren die Kamikazedrohnen?

Die Debatte im Vorfeld der Beschaffung wurde aus Interessensgründen in den Medien hart geführt. Es gibt Berichte, dass die beiden Systeme, die angeschafft werden sollen, nicht ausgereift seien: Die Vorwürfe (gegen Helsing) wurden in Berichten bei Bloomberg und bei der WELT in mehreren Artikeln erhoben. Im Kern geht es darum, dass die Kamikazedrohnen nicht so funktionieren würden, wie sie sollen. Zitat aus dem Welt-Artikel: „In rund 40 Prozent der Einsätze von Juras Einheit kam es zu Treffern oder Nahtreffern. Knapp jedes fünfte Gerät stürzte beim Start ab oder ging durch elektronische Störmaßnahmen beziehungsweise technische Defekte im Flug verloren. Etwa 15 Prozent der Drohnen wurden abgeschossen oder scheiterten an Fehlfunktionen der Zielnachführung.“2

Und weiter heißt es bei der WELT: „Ein ukrainisches Dokument listet jedoch Dutzende weitere Mängel bei Flügen detailliert auf. Ein Auszug: ‚defektes Ruder‘, ‚abnormales Bordverhalten‘, ’nicht flugtauglich‘. Kritisiert wird auch die lange Zeit zum Montieren des Systems. Nach den missglückten Einsätzen begleiteten Mitarbeiter von Helsing die ukrainische Einheit an die Front. Die Stimmung sei angespannt gewesen. Trotz nächtelanger Vorbereitung seien mehrere Drohnen erneut direkt nach dem Katapultstart abgestürzt, andere hätten bereits nach kurzer Distanz die Verbindung verloren. Die Entwickler hätten diese Erfahrung später, sagt Jura, sinngemäß als ‚kalte Dusche‘ bezeichnet.“3

Bloomberg schreibt unter Berufung auf eine Präsentation der Bundeswehr vom 20.11.2025 und nach Aussagen „von mit der Angelegenheit vertrauten Personen“: „Die HX-2, das Flaggschiff-Kampfflugzeug des deutschen Herstellers, hatte bei Tests des 14. Regiments der Ukraine, einer Einheit für unbemannte Luftfahrtsysteme, Startschwierigkeiten […]. Das Modell soll eigentlich über KI-Komponenten verfügen soll, die das Fliegen ohne Piloten ermöglichen, beim vorliegenden Modell aber fehlten“. In der Präsentation wird der Bundeswehrgeneral Gunter Schneider genannt. „Helsing-Drohnen waren in Frontnähe durch Störungen beeinträchtigt, wodurch die Verbindung zu den menschlichen Bedienern unterbrochen wurde, berichteten drei der Befragten.“ „Die Trefferquote der ersten Flüge, die offiziell dokumentiert wurde, ist ermutigend“, sagte Helsing. Er fügte jedoch hinzu, es sei noch zu früh, um aus der Leistung der Drohne an der Front in der Ukraine Schlüsse zu ziehen: „Wir sind zuversichtlich, dass sich die Testergebnisse der HX-2 auch auf dem Schlachtfeld, einschließlich unter Bedingungen elektronischer Kriegsführung, in hohen Trefferquoten niederschlagen werden.“4

Als Schlussfolgerung schreibt Bloomberg, dass die Nachbestellung (für die ukrainische Armee) gecancelt worden sei. Darauf berufen sich auch einige ukrainische Militär-Internetseiten.

Das ukrainische Militär-Magazin Defense Express bestätigt die geschilderten Probleme und schreibt: „Es ist wichtig zu berücksichtigen, dass die kontinuierliche Weiterentwicklung der Gefechtsfeldtechnologie im russisch-ukrainischen Krieg Systeme, die noch vor wenigen Monaten relevant waren, schnell überflüssig machen kann. Westliche Unternehmen haben oft Schwierigkeiten, mit diesem Tempo iterativer Aktualisierungen Schritt zu halten, was zu einer sinkenden wahrgenommenen Effektivität ihrer Hardware führt. Dies könnte auch hier der Fall sein und die Diskrepanz zwischen erfolgreichen Auslandstests und gleichzeitig auftretenden Problemen im Zusammenhang mit elektronischer Kampfführung in der Ukraine erklären.“5

Allerdings wird in einem anderen Artikel im Defense Express auch über Probleme der konkurrierenden Stark-Kamikaze-Drohnen berichtet. Mitgeteilt wird dort auch, dass Stark Defense inzwischen eine Produktionsanlage in der Ukraine aufbaut.6

Die Süddeutsche Zeitung schreibt, sich auf Bild und Financial Times berufend, zur Drohne von Stark: „Die Drohnen waren nach Informationen der Süddeutschen Zeitung bei den Tests ohne scharfe Munition unterwegs, es ging um Zielgenauigkeit, das Bewerten der Software und die Einweisung von künftigen Bedienern der Bundeswehr. Laut einem Bericht der Zeitung Bild soll eine Drohne von Stark ihr Ziel mehrfach verfehlt haben. Eine Drohne sei in ein Waldstück abgestürzt. Laut Financial Times habe es auch bei Tests mit dem britischen Militär Probleme gegeben.“7

Interessant an dieser Berichterstattung ist, dass es offensichtlich bei beiden Systemen, die nun angeschafft werden sollen, de facto keine Serienreife gibt. Deshalb stellt sich eher die Frage, ob die Kamikazedrohnen an sich überhaupt wie geplant funktionieren. Immanent gesehen durchaus ein Argument, die Kamikazedrohnen nicht anzuschaffen.

Kriegserprobte Systeme

Noch wichtiger als die Frage, ob die Kamikazedrohnen „funktionieren“, sind zudem zwei andere Aspekte: Nach der Heron TP, die von Israel geleast ist, schafft die Bundeswehr bewaffnete Drohnen an, die „kriegserprobt“ sind. Diesmal geht es nicht so wie bei der Heron TP um Kriegseinsätze durch Israel in Palästina, sowohl im Gaza-Streifen als auch in der Westbank. Diesmal geht es bei den Drohnen-Systemen von Helsing und Stark um Kriegserprobung in der Ukraine. die Hersteller waren und sind jeweils auch mit (umfangreichem) Personal vor Ort.

Zweitens, und darauf hat zuerst die Financial Times hingewiesen und andere wie Correctiv haben dazu auch geschrieben: Hinter Helsing steht Daniel Ek (Spotify) und hinter Stark Defence der Großinvestor Peter Thiel(!!), der rechte, demokratiefeindliche Trump-nahe Milliardär. In der FT heißt es dazu: (übersetzt): „Der erste Auftrag hat einen Wert von zunächst 269 Millionen Euro. Der Vertrag beinhaltet die Option, weitere HX-2-Drohnen von dem Unternehmen zu kaufen, das vom schwedischen Spotify-Gründer Ek unterstützt wird. Der Gesamtwert des Vertrags kann sich in Zukunft auf bis zu 1,46 Milliarden Euro belaufen. Für das Berliner Unternehmen Stark, das vom US-Unternehmer Thiel unterstützt wird, hat der Deal zunächst einen Wert von 269 Millionen Euro und kann potenziell auf 2,86 Milliarden Euro ansteigen.“8

Welche Personen noch im Interessenskampf um die Drohnenaufträge eine Rolle spielen, sind der ehemalige Bild-Chefredakteur Johannes Boie und der ehemalige stellvertretende verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion Johannes Arlt, der dann beim Rüstungsunternehmen Stark als „Senior Vice President“ angeheuert hat.9 Gundbert Scherf, Mitbegründer und Helsing, hatte zuvor bei McKinsey Deutschland gearbeitet und ist dann im Kontext der sog. Berateraffäre um die heutige EU-Kommissionspräsidentin ins Verteidigungsministerium gewechselt, bevor er mit Anschubhilfe von Daniel Ek sein Startup gegründet hat. Neben guten Kontakten ins Ministerium bestehen also auch gute Kontakte zu einflussreichen Medien, wie auch die Süddeutsche Zeitung andeutet: „In dem Bild-Bericht zu den Tests kommt hingegen Helsing sehr gut weg. Seit August ist der frühere Bild-Chefredakteur Johannes Boie Marketing- und Kommunikationschef des aufstrebenden Unternehmens aus Bayern.“10

Johannes Arlt ist im Bundestag häufiger noch anzutreffen, u.a. als Zuhörer bei der Anhörung zum Bundeswehrbeschaffungsbeschleunigungsgesetz im Wirtschaftsausschuss des Deutschen Bundestages am 10.11.2025, als sein Kollege Uwe Horstmann von Stark Defence das neue Gesetz „einen wichtigen Schritt in Richtung einer flexibleren, schnelleren und innovativeren Beschaffung von Verteidigungsgütern“ nannte.11

Jetzt kommt es darauf an, in den letzten Tagen vor der vermutlichen Beschaffungsentscheidung alles zu mobilisieren, damit es zu keiner Anschaffung von Kamikazedrohnen für die Bundeswehr kommt.

Anmerkungen

1 Abschlussbericht der SPD-Projektgruppe zur Frage der Bewaffnung von Drohnen, spd.de (12.10.2021).

2 Lars Petersen, Ibrahim Naber: Die ukrainische Enttäuschung mit der deutschen „Wunderdrohne“, welt.de (28.1.2026).

3 Ebd.

4 Christina Kyriasoglou, Jake Rudnitsky, Jenny Leonard: Ukraine Holds Off on New Helsing Drone Orders After Setbacks, www.bloomberg.com (19.1.2026) (Übersetzung: TP).

5 „Controversy Surrounding Supply of German HX-2 Loitering Munitions to Ukraine: Stakeholder Positions“, en.defence-ua.com (20.1.2026).

6 „Німецький Stark будує виробництво своїх дронів в Україні, щоб ще швидше їх адаптувати до сучасної війни“, defence-ua.com (13.2.2026).

7 Georg Ismar: Absturz beim geheimen Drohnen-Test, www.sueddeutsche.de (2.11.2025).

8 Laura Pitel: Daniel Ek and Peter Thiel-backed start-ups win German military drone contracts, www.ft.com (17.2.2026).

9 „Johannes Arlt wird Senior Vice President bei STARK“, hartpunkt.de/ (18.6.2025).

10 Georg Ismar: Absturz beim geheimen Drohnen-Test, www.sueddeutsche.de (2.11.2025).

11 „Rüstungsindustrie begrüßt schnellere Beschaffungen für die Bundeswehr“, bundestag.de (10.11.2025)